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Steckenpferd 2016
erstellt von Alexa Bernards-Niermann
05.06.2016     Klicks:1629     A+ | a-
Ilhan Avci - Dialogbeauftragter für die interreligiösen und interkulturellen Angelegenheiten- Ditib Moscheegemeinde Kempen e.V.
Herzlich willkommen auch von meiner Seite, Alexa Bernards-Niermann, zur Verleihung des diesjährigen Steckenpferd-Preises des Bd.90/Die Grünen- Ortsverband Kempen.
Diesen Preis, das Steckenpferd als Sinnbild für freiwillige Tätigkeiten, „Hobbies“ loben die Kempener Grünen seit 2004 aus für „Hervorragendes bürgerschaftliches, ehrenamtliches Engagement“. In diesem Jahr dürfen wir ihn Herrn Ilhan Avci, interkultureller Dialogbeaufragter, Ditib Gemeinde Kempen überreichen.

Als Gäste möchte ich mit Ihnen begrüßen:
Seine Frau Ayse Avci, seine Familie, weitere Mitglieder der muslimischen Gemeinde Kempen und alte Freunde aus Rumeln-Kaldenhausen sowie zahlreiche Preisträger und Vertreter der geehrten Gruppen vergangener Jahre.

Was ist ein Dialogbeauftragter?
Zunächst was ist die Definition für Dialog?
Im Gegensatz zum Monolog, bei dem ich mit mir selber spreche, sucht der Dialog den Austausch zwischen zwei Parteien, Gesprächspartner etc. Als bewusst eingesetztes Gestaltungsmittel wurde der Dialog zunächst von den Sophisten verwendet, welche ihn zur Vermittlung von Erkenntnissen oder zur Erörterung von Problemen im Sinne der klassischen Dialektik (These und Antithese) nutzten.
Buber definiert :„Das Charakteristische an Ich-Du-Beziehungen ist, dass nur in ihnen die wirkliche Begegnung geschieht, wenn alles zurückgelassen wird, was an Vorverständnis mitgebracht wird, wenn alle Reserviertheit aufgegeben wird, wenn man sich auf den anderen einlässt, einen wirklichen Dialog mit ihm führt.“

Was nun ist ein Dialogbeauftragter?
Dialogbeauftragte sind Brückenbauer
„ProDialog“ wird durchgeführt von Ditib (Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V. (türkisch Diyanet İşleri Türk İslam Birliği, abgekürzt DİTİB als bundesweiter Dachverband für die Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten der angeschlossenen türkisch-islamischen Moscheegemeinden) in Zusammenarbeit und mit der Unterstützung des Europäischen Integrationsfonds (EIF) und des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Die Dialogbeauftragen sind Ansprechpartner für staatliche Institutionen wie Schulen, Behörden und Beratungseinrichtungen, Vertreter anderer Religionen und der Mehrheitsgesellschaft. Das Projekt soll die Moscheen nicht nur in das öffentliche und kommunale Leben integrieren, sondern auch die Partizipation der Gemeindemitglieder vor Ort stärken.

Als ich mich mit der Auswahl des diesjährigen Preisträgers und dem Schreiben der Laudatio beschäftigt habe, muss ich gestehen, dass mich als emanzipierte, politisch denkende Frau, als Feministin und Grüne Mehreres umtrieb.

Erlauben Sie mir einen kurzen Exkurs.
Groß geworden in einem zunehmend säkularisierten Deutschland, sich selber emanzipierend von konservativen christlichen Normen erhält den Preis ein Vertreter des Islams? Schon durch die sog. Gastarbeiter in den 60er Jahren und nicht zuletzt durch die Vielzahl von Flüchtlingen in der letzten Zeit sieht sich Deutschland mit einer „Neuen“ Religion gegenüber, dem Islam und mit Menschen, die diese Religion leben und ausüben.

In Zeiten von Islamfeindlichkeit, islamkritischer Haltung, Angriffen auf Moscheen von mehreren Seiten wollen wir mit der Ehrung von Herrn Avci ein Zeichen setzen. Wir grenzen uns hiermit eindeutig von polemischer verallgemeinernder Kritik am Islam und allen seinen Vertretern ab wie sie von Rechts kommt. Wir wollen hiermit ein Zeichen setzen gegen Rechts, gegen generalisierend fremdenfeindliches Verhalten und verallgemeinender Islamfeindlichkeit.

Der Islam als Schreckgespinst für den Verlust der Leitkultur, für Überfremdung und Terrorismus. Das sind Polemisierungen, die wir Grünen selbstverständlich nicht mittragen können. Aber wir möchten uns hier auch ganz deutlich von vorauseilender Islamfreundlichkeit distanzieren, die alle Schwierigkeiten hinwegwischt. Und unsere Bedenken gegen den fundamentalistischen Islam zum Ausdruck bringen, der unsere Grundgesetze und Menschenrechte nicht anerkennt.

Auch Ditib, der Dachverband, dem wie die Kempener Gemeinde, rund 900 türkisch-muslimische Ortsgemeinden in Deutschland angehören, untersteht direkt der staatlichen türkischen Religionsbehörde Erdoğans, die weiter fundamentalistische Forderungen wie das Verbot des öffentichen Händchenhaltens stellt.

Wir fragten daher Herrn Avci, wie er sich und mit ihm die muslimische Gemeinde in Kempen zu den fundamentalistischen Strömungen des Islams positionieren?

„Aktivitäten jeglicher Art von Fundamentalismus und Intoleranz, sei es politisch oder religiös motiviert, sind in der muslimischen Gemeinde zu Kempen untersagt und unerwünscht. Unsere Gemeinde leistet hervorragende Aufklärungsarbeit mit den religiösen Geistlichen „ Imamen“ um die Gemeindebesucher vor extremen Strömungen zu schützen.“, antwortete Herr Avci. Auch die immer wieder gestellte Frage, warum in der Kempener Moschee nicht, wie es auch von Teilen der Bundesregierung gefordert wird, deutsch gelehrt wird, beantwortete Ilhan Avci.
Ich zitiere:
„Hierzu sage ich immer „Fördern und Fordern“. Wir haben großes Interesse an Imamen, die in Deutschland ausgebildet werden. Sie kennen die Verhältnisse und die Menschen hier besser. Hier ist der Staat aufgefordert zu reagieren. Für alle muslimischen Gemeinden in Deutschland wäre das deutsche Lehren eine große Erleichterung. Leider haben wir noch keinen in Deutschland ausgebildeten muslimischen Geistlichen bzw. Imam angetroffen. Es dauert noch Jahre bis wir einen bekommen werden. Bis dahin werden wir die Imame, Theologiehochschulabsolventen sind, aus der Türkei beziehen“. Soweit mein Exkurs.

Aber schon hier zeigt sich Ilhan Avcis Dialogbereitschaft, Antworten auf unbequeme Fragen zu geben. Es gibt keinen „homo islamicus“- Muslime lassen sich genauso wenig wie Christen, Atheisten, Bayern und Grüne  über einen Kamm scheren. Daher: Dem Menschen Ilhan Avci gilt heute dieser Preis, das Steckenpferd. Ilhan Avcis Leitspruch lautet Akzeptanz, Respekt und Toleranz Und für diesen Leitspruch lebt und arbeitet er. Und für diese Haltung und seine unermüdliche Arbeit als Brückenbauer zwischen den Kulturen möchten wir ihn heute aus voller Überzeugung auszeichnen.

Erlauben Sie mir, dass ich nun versuche ein Bild von Herrn Ilhan Avci zu zeichnen, das ihm hoffentlich gerecht wird.
Herr Avci wurde 1965 in der Türkei am Schwarzen Meer geboren. Die ersten 12 Jahre verlebt er dort mit seinen Großeltern, derweil seine Eltern als sogenannte „Gastarbeiter“ in Deutschland lebten und arbeiteten. Am 5.8.1977 kam er nach Deutschland, seit 1993 hat er die niederrheinische Staatsbürgerschaft, wie er selber schmunzelnd sagt. Bis 1983 besuchte er die Hauptschule in Duisburg- Friemersheim mit dem Abschluss der Fachoberschulreife. Er erzählte in unserem Vorgespräch, dass er seiner Lehrerin dankbar sei, die ihm wegen seiner bis dahin mangelnden Englischkenntnisse davon abriet, aufs Gymnasium zu wechseln und dort deshalb vielleicht zu scheitern. Stattdessen machte er eine Gärtnerausbildung in Tönisvorst, die er 1991 mit dem Gärtnermeisterbrief abschloss. Seit 1991 ist Herr Avci für eine niederländische Pflanzenfirma im Außendienst tätig. „Ein türkischstämmiger Niederrheiner deutsch und niederländisch sprechend im Außendienst in den Niederlanden“, Herr Avci lacht sein offenes, freundliches Lachen. Chapeau!!

Soweit die berufliche Vita von Ilhan Avci. Sie ist Teil seiner Persönlichkeit, die ausgezeichnet ist durch Weltoffenheit und seine Integrationsbereitschaft. Er bezeichnet sich selbst zu Recht als „Europäer und Weltbürger“. Geehrt wird er aber hier für sein ehrenamtliches Engagement. Darüber schweigt er eigentlich sehr bescheiden, aber auf Nachfragen erzählt er, dass schon seine Großeltern ihn lehrten füreinander zu stehen, zu helfen ohne Gegenleistung zu erwarten und es auch nicht publik zu machen. Und so wirkt er bis heute bescheiden ohne es an die große Glocke zu hängen.

In Tönisvorst machte er in den 80er Jahren seine ersten Erfahrungen als Unterstützer tamilischer Flüchtlinge in der Gärtnerei, in der er arbeitete. Auf die Tamilen in Vorst folgten bosnische Flüchtlinge in Vorst und Duisburg-Friemersheim, kurdische Flüchtlinge aus dem Irak und Palästinenser, denen Herr Avci in seiner liebenswerten, hilfsbereiten Art half, was immer sie benötigten- Wohnung oder Arbeit zu finden, sich durch den Behördendschungel zu kämpfen - ohne großes Aufhebens zu machen und ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Verletzt hat ihn nur, „wenn ein paar dieser Menschen, wenn sie es geschafft hatten, ihn nicht mehr kannten“, nachdem er für sie teilweise sogar nachts zur Verfügung stand.

1993 trat Herr Avci damals noch in Tönisvorst lebend in den JUSOKUJugend, Soziales und Kulturausschuss der Stadt Tönisvorst bei und wurde damit öffentlich ehrenamtlich, politisch tätig. 2007 gründete Ilhan Avci, inzwischen seit 1995 mit seiner Familie in Kempen lebend, gemeinsam mit Herrn Öztürk die muslimische Gemeinde Kempen, von der er bis 2015 leitender Vorsitzender war. Die gemeinnützige Muslimische Gemeinde Kempen e.V., wählte- übrigens- eine Frau als erste Geschäftsführerin für den Kreis KR-MGL-VIE. Mit der Generalversammlung im Jahre 2009 ist die Gemeinde durch ein Mietgliedervotum dem Dachverband DITIB mit Sitz in der Stadt Köln angegliedert. Der Grund dafür war so Herr Avci: „Der Verein sollte nicht (eine) in sich verschlossene Gemeinde, sondern offen, integrativ und der religiöse Geistliche ein Hochschultheologieabsolvent sein, „keine selbsternannte Geistlichkeit bzw. Imam “ und keine „Hinterhofmoscheegemeinde“

Seit 2008 ist Herr Avci Mitglied und Ansprechpartner für die muslimische Gemeinde im Multikulturellen Forum der Stadt Kempen. Dort öffnete er auch direkt in seiner integrativen Art die Gemeinde mit einem Gründungsfest im Komma nach außen. Allen Kempenern, bot das Fest, das gut besucht war, die Möglichkeit zu einem Dialog der Menschen und Einblick in die Arbeit der muslimischen Gemeinde.
Seit 2009 ist Ilhan Avci nun als Dialogbeauftragter tätig. Nach einem 10-wöchigen-Sonntags-Ganztagsseminar in der Ditib-Gemeinde Duisburg-Marxloh (-Einschub,eine Gemeinde die lange als offen und sehr liberal galt) finanziert vom BAMF- Bundesamt für Migration und Flüchtlinge-, wurde Herr Avci nach erfolgreicher Abschlussprüfung zum zertifizierten „Dialogbeauftragten für die interreligiösen und interkulturellen Angelegenheiten und Friedensstifter“ ernannt.

Dialogbeauftragte sind Brückenbauer und wie schon gesagt Ansprechpartner für staatliche Institutionen wie Schulen, Behörden und Beratungseinrichtungen, Vertreter anderer Religionen und der Mehrheitsgesellschaft. … sie sollen die Moscheen … in das öffentliche und kommunale Leben integrieren, „nicht im Sinne von Assimilation, sondern im Sinne von Partizipation und Zugehörigkeit türkischer und muslimischer BürgerInnen durch Öffnen der türkischen Moscheegemeinden nach außen. Sie sind für die kritische Auseinandersetzung mit den Themen Interreligiöser Dialog, Religionskritik und Religionsfreiheit vorbereitet. Sie suchen den Austausch, die Gemeinsamkeiten der Religionen und Kulturen.

Ein Höhepunkt seiner Tätigkeit als Dialogbeauftragter war für Ilhan Avci bislang 2014 die Vorbereitung und Austragung des ersten Christlich-Islamischen Dialogs in Zusammenarbeit mit den christlichen Kirchen und Islamverbänden KRM im Seidenweberhaus der Stadt Krefeld mit entsprechenden kirchlichen, politischen und diplomatischen Vertretern. In den religiösen Gesprächen tauscht er sich einmal im Moment in Mülhausen in der Liebfrauenschule u.a. mit Herrn Borsch aus.

Seit 2013 ist Herr Avci außerdem der bisher einzige muslimische Notfallbegleiter im Kreis Krefeld-Mönchengladbach-Viersen ebenfalls nach einer 10 wöchigen sonntäglichen Ausbildung in der evangelischen Kirche mit Unterstützung vom christlich-islamischen Dialogverein. Hier werden seit 2009 am Beispiel chr. Notfallhelfer muslimische Notfallhelfer Rettungskräften und Polizei zur Seite gestellt.

Seit 2015 ist Ilhan Avci als Mitbegründer und Mitveranstalter des Flüchtlingscafés im Auftrag der muslimischen Gemeinde Kempen e.V. in der Thomaskirche Kempen tätig.

Dies sind die Eckdaten, die Herrn Avcis Engagement aufzeigen, aber was ihn wirklich ausmacht, ist darüber hinaus seine Offenheit, seine Integrationsbereitschaft, seine Annäherung den Menschen - auch Fremden- gegenüber. Seine Brücken, die er auch zu Menschen anderer Religionsgemeinschaften, Nationalitäten und Kulturen schlägt – weit über sein Amt hinaus. So schickt er z.B. den Christen einen schriftlichen Weihnachtsgruß, ist stets dialogbereit interreligiös und interkulturell. Dies zeigt er seit Jahren im multikulturellen Forum, in der Flüchtlingsarbeit, und eben in seiner Tätigkeit für die muslimische Gemeinde. Er will die Jugendlichen schützen, indem sie in die Moschee kommen. Damit sie nicht von Hasspredigern aufgewiegelt werden und sich in terroristischen bzw. extremistischen Vereinigungen verlieren.

Aktuell ist er in der Kempener Flüchtlingsarbeit aktiv, indem er Flüchtlinge sowohl im Flüchtlingscafé in der Thomaskirche mitbetreut. Er lädt sie aber auch ein, in die muslimische Gemeinde zum Gebet zu kommen und dort etwas Heimat zu finden. Eine weitergehender Austausch und Kontakt scheitert leider bisher meist an Sprachproblemen, denn die meisten jungen Flüchtlinge sprechen nur arabisch, was sie zumindest befähigt den Koran zu lesen, wie Ayse Avci schmunzelnd bemerkt. Sicher werden beide weiter dabei helfen, dass es dabei nicht bleibt, sondern dass auch die aktuell in Kempen lebenden Flüchtlinge integriert werden
können, so wie die Familie Avci es in vorbildlicher Weise vorlebt.

Lassen Sie mich mit einem Zitat von Martin Buber enden, der sich auf den Dialog zwischen Christentum und Judentum bezieht, aber nichts an Aktualität verloren hat. „Das Charakteristische an Ich-Du-Beziehungen ist, dass nur in ihnen die wirkliche Begegnung geschieht, wenn alles zurückgelassen wird, was an Vorverständnis mitgebracht wird, wenn alle Reserviertheit aufgegeben wird, an sich auf den anderen einlässt, einen wirklichen Dialog mit ihm führt.

Die Beziehung zum Du ist unmittelbar.

Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie; und das Gedächtnis verwandelt sich, da es aus Einzelung in die Ganzheit stürzt. Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme... Alles Mittel ist Hindernis. Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht die Begegnung.
(Ich und Du)
Wir freuen uns Herrn Ilhan Avci das Steckenpferd 2016 für ehrenamtliches, bürgerschaftliches Engagement zu überreichen als Dankeschön und weiteren Ansporn für seine Tätigkeiten im Dialog der Kulturen, Religionen und Wertevorstellungen.

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