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Benennung von Kempener Straßen nach „Isaak Kounen“und„Selma Bruch“
erstellt von Joachim Straeten - Fraktionsvorsitzender
05.03.2012     Klicks:1492     A+ | a-
Antrag:
Die Verwaltung wird beauftragt, zwei Vorschläge für die Benennung von Kempener Straßen nach den jüdischen Mitbürgern „Isaak Kounen“ und „Selma Bruch“ zu erarbeiten und dem zuständigen Ausschuss zur Entscheidung vorzulegen. Sollten Straßen in Innenstadtnähe neu zu benennen sein, so sind diese hierbei zu bevorzugen.

Begründung:
Isaak Kounen und Selma Bruch waren Kempener Bürger, die sich zum einen durch ihr großes, soziales Engagement und ihren engagierten, politischen Einsatz zum Wohle der Stadt Kempen (Isaak Kounen), sowie durch ihren übergroßen Mut und ihren freiwilligen Tod gemeinsam mit ihrer Tochter in ein NS Vernichtungslager zu gehen (Selma Bruch) hervor getan haben und sich daher ein ehrendes Gedenken durch Benennung einer Straße nach ihrem Namen in Kempen verdient haben.

Zudem ist die Ehrung von verdienten jüdischen Mitbürgern in Kempen ein aktives, mutiges, politisches Zeichen gegen zunehmende Aktivitäten aus dem rechtsextremen Spektrum auch in unserer Stadt und knüpft in guter Weise an die von allen Fraktionen im vergangenen Jahr verabschiedete Resolution an.

Nähere Informationen zu den vorgeschlagenen jüdischen Mitbürgern sind dem Anhang zu diesem Antrag zu entnehmen.


Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag für Bündnis90/Die Grünen

Gez.
Joachim Straeten Dr. Michael Rumphorst
Fraktionsvorsitzender stv. Fraktionsvorsitzender

Anhang zum Antrag auf Straßenbenennung nach Isaak Kounen und Selma Bruch in Kempen

(Informationen aus „Jüdisches Leben in Kempen – ein Überblick“ von Hans Kaiser
sowie persönliche Recherchen von Herrn Kaiser u. a. vorgetragen in der Gedenkveranstaltung „70 Jahre nach der Deportation von Juden aus Kempen“ am 10. Dezember 2011 in der Aula der Realschule)

Isaak Kounen
Bestes Beispiel für den sozialen Aufstieg, der sich seit der Wiederansiedlung vollzogen hat, ist der Kaufmann Isaak Kounen, der am 30. September 1810 als Sohn des Geldwechslers Salomon Kounen an der Ellenstraße geboren worden war, 1886 starb und wohl die bedeutendste jüdische Persönlichkeit im Kempen des 19. Jahrhunderts darstellt. Seine Beliebtheit speiste sich aus drei Quellen: Wirtschaftlicher Erfolg, politische Aktivität, soziales Engagement. Bereits 1837 war er Inhaber einer Seidenmanufaktur, d.h. einer der Vorreiter der Industrialisierung in Kempen. Er zählte zu den höchst besteuerten Bürgern der Stadt und begründete zahlreiche Stiftungen zur Unterstützung – auch christlicher – hilfsbedürftiger Bürger. Viele Jahre hindurch war er im Vorstand der Synagogengemeinde, zu dessen Vorsitzendem er wie selbstverständlich gewählt worden war. Damit nicht genug, sprang er als Religionslehrer für die jüdischen Kinder ein, wirkte – nachdem das Judengesetz von 1847 das möglich gemacht hatte - als Mitglied des Stadtrats und seiner wichtigsten Ausschüsse, aber auch der Gladbacher Handelskammer. Ihm wird das Haus Buttermarkt 2 (später Moden Niermann) zugeschrieben; in ihm soll er auch gewohnt haben .

Selma Bruch
Am 10. Dezember 1941 findet die erste Deportation Kempener Juden statt. Auf der Grundlage schriftlicher Überlieferung und der Aussagen mehrerer Zeitzeugen sind die Einzelheiten dieser Deportation gut zu rekonstruieren. Unter den elf Menschen, die am Nachmittag dieses Tages von der Kempener Polizei aus ihren Wohnungen geholt und zunächst ins (1974 abgebrochene) Hohenzollernbad an der Burgstraße gebracht werden, sind auch der vormalige Viehhändler, jetzt Hilfsarbeiter Rudolf Bruch (41) und seine Frau, die Heimarbeiterin Selma geb. Goldschmidt (38), Vorster Str. 2, Tochter von Albert Goldschmidt, mit ihrer siebenjährigen Tochter Ilse. Einer der Hilfspolizisten, die in dieser Nacht in Kempen Dienst haben, ist der Textilwarenhändler Josef van Doornick, Kirchgasse 2. Er ist dabei, als die Juden in der Badeanstalt versammelt werden, sieht mit an, wie der Polizeioberwachtmeister Ludwig Oberdieck sie sich in einer Reihe aufstellen und immer wieder abzählen lässt. Die letzte in der Reihe ist ein kleines Mädchen – es muss die siebenjährige Ilse Bruch gewesen sein, schwarz gelockt und bildhübsch wie ihre Mutter Selma Bruch. Van Doornick ist ob der Schikanen an den Juden so aufgebracht, dass er seinen Dienst verlässt. Als seine Befehlsverweigerung sich Monate später in Kempen herumspricht, gelingt es Bürgermeister Dr. Mertens, ihn durch die Einziehung zur Wehrmacht in Sicherheit zu bringen.
Vom Kempener Bahnhof werden die Juden – wahrscheinlich in einem Güterwaggon der Krefeld-Kempener Industriebahn, des Schluff - nach Krefeld und weiter nach Düsseldorf gebracht. Dort treten sie am Morgen des 12. Dezember vom Schlachthof Derendorf in einem Sonderzug mit 1.007 Deportierten die Fahrt in das Ghetto von Riga an, in den von der Wehrmacht besetzten Teil der Sowjetunion. Am 13. Dezember 1941 trifft der Transport auf dem Güterbahnhof Skirotowa ein, etwa sieben Kilometer nordwestlich von Riga. Aber erst einen Tag später werden die Juden von deutschen und lettischen Polizisten unter Peitschenhieben aus den Waggons getrieben und erreichen nach zweistündigem Marsch durch den Schnee das Ghetto Riga - ein Armenviertel mit vielen alten Holzhäusern. Für die Neuankömmlinge aus Deutschland hat die deutsche und lettische Polizei – auf ihre Art – im Ghetto Platz geschaffen: Auf Befehl Heinrich Himmlers ist in zwei Aktionen (30. November; 8. und 9. Dezember) die bisherige Einwohnerschaft in einem Wald vor der Stadt größtenteils erschossen worden.
Am Morgen des 22. Dezember wird Rudolf Bruch in einer Kolonne von 500 Männern aus dem Ghetto auf einem Marsch von 17 Kilometern zu einer einsamen Waldlichtung getrieben, wo einige halb fertige Baracken in den Winterhimmel ragen. Hier – nahe der kleinen Ortschaft Salaspils etwa 20 Kilometer südöstlich von Riga - ist seit Oktober 1941 ein zentrales Juden- und Häftlingslager für Riga und das Generalkommissariat Lettland geplant – nach dem Muster der Konzentrationslager, wie es sie schon im Reichsgebiet gibt. Die ersten drei Tage gibt er keine Verpflegung. Später bekommt jeder täglich 180 Gramm Brot und eine „Suppe“, d.h. einen Teller voll Wasser, in dem ein paar Kohlblätter und einige Kartoffelschalen schwimmen. Die Arbeit ist mörderisch. Das Holz für Baracken und Zäune muss auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Düna geschlagen werden, die Baumstämme werden bei Eiseskälte über den zugefrorenen Fluss geschleppt. Als Folge der Entbehrungen erkranken viele, darunter der Kempener Rudolf Bruch. Der 42jährige hat sich von den Strapazen der Haft in Dachau nach der Kristallnacht nie erholt; er ist früh gealtert. Er stirbt an Typhus. Zwar gehen Krankentransporte ab – zur Erholung im Ghetto, wie es offiziell heißt – aber die Kranken werden unterwegs im Wald erschossen.
Am 2. November 1943 werden 2.216 Menschen in Waggons zu je 70 Insassen verladen und nach Auschwitz geschickt. Diese Kinderaktion bringt der neunjährigen Ilse Bruch aus Kempen den Tod – aber auch ihrer Mutter Selma Bruch, die aus freien Stücken mit ihrem Kind in die Gaskammer geht.
Selma Bruch hat zwar gute Überlebenschancen: Ihre Geschicklichkeit im Nähen hat ihr einen wichtigen Posten im so genannten Gewerbebetrieb eingebracht – so lautet der Sammelbegriff für die verschiedenen Werkstätten in- und außerhalb des Ghettos, wo auch die Textilien der Toten sortiert und ausgebessert werden. Bei ihrer Arbeit stockt Selma Bruch manchmal der Atem, wenn sie die Kleider auswerten muss, die die Teilnehmer an Todestransporten vor ihrer Erschießung ablegen mussten: Schuhe von Kleinkindern sind darunter, Stofftiere und liebevoll gestrickte Kinderwestchen. Einmal erkennt sie das goldene Hochzeitsband, das sie für einen Kempener Nachbarn genäht hat. Für Selma Bruch ist diese Arbeit eine Art Lebensversicherung. Aber noch wichtiger ist ihr, für ihre Tochter da zu sein, sie zu beschützen – vor allem jetzt, wo der Vater nicht mehr da ist. Ilse besucht eine Schule im Ghetto – und seltsamerweise ist sie hier in Riga fit und gesund, anders als in ihrer frühen Kindheit, als sie häufig an Asthma litt.
Als die Arbeitsgruppen, die außerhalb eingesetzt sind, am Abend des 2. November 1943 in das Ghetto zurückkehren wollen, finden sie dessen Zugänge verschlossen. Schließlich lassen die Wachen die schreiende Selma doch durch. Drinnen findet sie Menschen vor, die sich zum Abtransport in Reihen aufgestellt haben. Dann sieht sie ihre Tochter, die dort alleine und verängstigt steht, und stellt sich zu ihr.

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